Farbkreis nach Albert Henry Munsell

Der amerikanische Kunstprofessor Albert H. Munsell veröffentlichte sein Farbmodell vor ca. 100 Jahren. Es kann als Vorläufer für NCS, CIEL*a*b* und andere bezeichnet werden und ist noch immer weit verbreitet.

Der Farbkreis des Munsell-Systems, einem wichtigen CIEL*a*b*-Vorläufer.
(Vgl. die Farbkreise nach CIEL*a*b* L fix, CIEL*a*b* L variabel, HSB, NCS)

Konzeption

Albert Henry Munsell


Munsell erstellte in Kleinarbeit tausende von Farbmustern (bzw. er ließ diese wohl von seinen Studenten erstellen), mischte sie laufend nach, sortierte diese visuell gleichabständig nach Farbton, Helligkeit und Sättigung. Zuvor hatte es nur Farbeinteilungen nach Farbnamen gegeben – Munsell nannte diese "foolish" und "misleading". Er publizierte sein sortiertes System in "A Color Notation" erstmals 1905, überarbeitete das Werk mehrfach, bis 1929 das "Munsell Book of Colors" erschien. Es enthielt 1277 matte sowie 1452 glänzende Farbmuster, und es erscheint nach mehrfacher Überarbeitung noch heute.

Das Munsell Book of Colors in diversen Auflagen.

Während Munsell in der Anfangsphase eine echte Kugel als Farbkörper mit Grundfarben-Äquator zugrundelegte, wurde in späteren Überarbeitungen ein unregelmäßiger Farbkörper daraus, da Munsell erkannte, dass die Helligkeiten der verschiedenen Bunttöne unterschiedlich zu sein haben:

"Desire to fit a chosen contour, such as the pyramid, cone, cylinder or cube, coupled with a lack of proper tests, has led to many distorted statements of color relations, and it becomes evident, when physical measurement of pigment values and chromas is studied, that no regular contour will serve."
Albert H. Munsell, A Pigment Color System and Notation

1943 wurde in den "Munsell Renotations" der American Optical Society jede Farbe in die CIE-Farbmaßzahlen x, y und Y überführt – per Messung und Nachkorrektur.

Die zunächst von Munsell vorgeschlagene Kugelform des Farbkörpers.

Die heutige Umsetzung des Munsell-Systems wird als unregelmäßiger Farbkörper unserem Empfinden gerechter.

Notation

Eine Farbe wird bezeichnet gemäß H V/C, wobei H (Hue) für Buntton, V (Value) für Helligkeit und C (Chroma) für Sättigung steht.

Hue – Farbton

Munsell legte zunächst einen 10teiligen Farbkreis aus Hauptbunttönen und Zwischentöne zugrunde:

Diese zehn Farbtöne werden abermals in zehn Abstufungen unterteilt. Für die Kennzeichnung der Bunttöne werden zu den Buchstabensymbolen Zahlen (0 bis 10) gesetzt: so werden die Farbtöne (Hue) mit 1RP, 5P, 3Y oder auch 7,5 GY, 2,5 PB, und ähnlich bezeichnet.

Value (Helligkeit) und Chroma (Sättigung)

Der Helligkeitswert reicht von V = 10 (Idealweiß) bis V = 0 (Schwarz). Diese wird üblicherweise senkrecht dargstellt. Ähnliches gilt für die Sättigung, auch diese wird als Zahlenwert zwischen 0 und 10 angegeben – sie erscheint im Diagramm waagerecht von innen nach außen.

Beispiel: 2,5 YR 5/10 ist ein Gelbrot, welches mehr zu Gelb tendiert, eine mittlere Helligkeit hat und maximal gesättigt erscheint.

Die Munsell Renotations zeigen im CIEL*a*b*-Farbraum ein hohes Maß an Ordnung. Beide Systeme sind eng verwandt, eine Umrechnungsformel ist aber nicht bekannt. Daneben wird der Mangel an Blau-/Türkisvariationen deutlich. (Zum Vergleich interessant: die 3D-Darstellung von RAL Design und NCS)

Heutige Bedeutung

Das Munsell-System zieht die unterschiedliche Helligkeit der Basisfarben in Betracht und zwängt unser Empfinden nicht in ein festes geometrisches Korsett.

Als Nachteil ist die geringe Überprüfbarkeit anzusehen. Es wird keine Aussage gemacht darüber, welcher Betrachter hinter der Munsellschen Gleichabständigkeit steckt. War es Munsell selbst (vor 100 Jahren), waren es seine Studenten, wer in der American Optical Society (vor 50 Jahren)? Inwiefern entspricht dies unserer heutigen Farbwahrnehmung? Hier ist das NCS-System im Vorteil.

Man kann Munsell-Koordinaten nicht per Formel in CIEL*a*b*-Farbwerte überführen - jedenfalls sind die für die Munsell Renotations verwendeten Formeln nirgends bekannt. Es existieren aber Vergleichstabellen und Softwarelösungen, mit denen die Umrechnung in L*a*b* und RGB möglich ist – diese Halbwegs-Rechenbarkeit ist als Vorteil gegenüber dem NCS System und als Nachteil gegenüber dem durchgehend rechenbaren RAL Design System zu bezeichnen, denn sie erleichtert die Farbkommunikation erheblich.

Heute ist die Munsell Color Company im Besitz der Firma X-Rite (vormals Gretag-Macbeth), einem Hersteller von Farbmessgeräten. Das Munsell-System ist etwas in Vergessenheit geraten, da keine größere Firma oder Institution es anschiebt. Dies dürfte sich evtl. ändern – in China plant man die Einführung des Munsell-Systems auf breiter Front als nationalem (und damit wohl auch sehr internationalem) Farbstandard.