NCS-Farbkreis
Das schwedische"Natural Colour System" wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt. Es wird seit 1946 herausgegeben vom Scandinavian Colour Institute (Stockholm).
Der NCS-Farbkreis gleicher Helligkeit bietet ein recht harmonisches, aber kein perfektes Gesamtbild.
(Vgl. die Farbkreise nach CIEL*a*b* L fix, CIEL*a*b* L variabel, HSB, Munsell)
Das System geht tiefer, als dass es nur die Eigenschaften einer Oberfläche oder Mischung beschriebe – es ist als Koordinatensystem unserer Farbwahrnehmung konzipiert. Hierzu dient zunächst die Gegenfarbentheorie von Ewald Hering aus dem 19. Jahrhundert.
Bei langer Betrachtung von Farbflächen entstehen Nachbilder in der jeweiligen Gegenfarbe. Ewald Hering nannte die dargestellten Gegensatzpaare.
Die sechs NCS Basisfarben
Jede Farbe lässt sich laut Gegenfarbtheorie als Mischung von Nicht-Gegenfarben beschreiben. Eine mögliche Farbempfindung ist z.B. ein "grünliches Blau" oder "leicht gelbliches Rot" – nicht aber ein "rötliches Grün" oder ein "bläuliches Gelb". Gegenfarben löschen sich aus, sie lassen sich miteinander nicht zu einer neuen Farbe mischen.
In mathematische Form gebracht: mit den drei Gegenfarbpaaren je Achse lässt sich ein dreidimensionales Koordinatensystem aufspannen, in dem dann jede Farbempfindung einen eindeutigen Punkt zugewiesen bekommt.
Innerhalb dieses Modells wurde nun versucht, empfindungsmäßige Gleichabständigkeit herzustellen. Ein gleich groß empfundener Farbunterschied sollte innerhalb des Modells überall einen gleich großen Abstand ergeben. Zu diesem Zweck befragte der NCS-Begründer Anders Hård in den 40er Jahren ca. 30 Probanden nach ihren Abstandsempfindungen zwischen vorgelegten Farbproben und den o.g. Basisfarben. "In total, a million test judgements were made by a test group of 30 individuals", schreibt NCS auf seiner Webseite.
Aus Mittelwerten (dem sog. "Normalbeobachter") legte man innerhalb des Koordinatensystems die Postionen für alle NCS-Farben fest.
Die Notation
Die etwas schwierig zu verstehende NCS Notation beschreibt jede Farbe mit drei Werten:
- Verschwärzlichung (Darkness)
- Sättigung (Chromatizität)
- Prozentwert zwischen zwei Basisfarben
Beispiel – das Gelb der schwedischen Flagge:
NCS 0580-Y10R (= 5% darkness, 80% Sättigung, 90% Gelb + 10% Rot)
Am bekanntesten ist heute NCS index, ein Fächer mit 1950 Farben, der von den NCS Vertriebsstellen in größeren Stückzahlen vertrieben wird. Daneben werden auch einzelne Farbbögen, Software, ein Farbatlas, Schulungsmaterialien abgegeben.

Der NCS-Farbkreis und der Farbkörper, der sich als Doppelkegel darstellt.
NCS ist nicht kompatibel zu CIEL*a*b*. In seiner eigenen Notation präsentiert sich NCS hingegen in perfekter Ordnung - man kann darin aber nicht frei rechnen. (Vergleiche die 3D-Darstellung von RAL Design und Munsell)
Heutige Verbreitung
Auch das Deutsche Institut für Normung (DIN) arbeitete in den 70er und 80er Jahren an einem eigenen ähnlichen Farbstandard (DIN 6164). Dessen glänzende Variante verkaufte man an NCS – 1985 gab das DIN bekannt:
„Dass es heute 1985/86 noch keine ‚Meter-Konvention’ für Farben gibt, ist unglaublich. Verständigung über Farben ist weitgehend vom Zufall abhängig. Um die Entscheidungsfindung zu erleichtern und um ein Beispiel zu geben für eine Verständigung ohne nationale Egoismen, hat das DIN Deutsches Institut für Normung e.V. beschlossen, das schwedische Farbsystem "Natural Colour System" zu unterstützen und auf die Durchsetzung des DIN-Farbensystems zu verzichten."*
Heute hat sich NCS als Farbsystem relativ breit durchsetzen können. Viele Farbenhersteller fertigen nach NCS. Inhaltliche Konkurrenz ist vor allem das RAL DESIGN System, ferner auch die zahlreichen Hersteller-Farbsysteme (Brillux Scala, Caparol 3D, Alsecco ACCS, Colortrend, Sikkens, Pantone,... u.v.m). Viele Hersteller lehnen sich bei der Farbauswahl an NCS an, haben aber eine eigene Notation entwickelt, aus der dies nicht sofort ersichtlich wird.
Stärken und Schwächen von NCS
Das Modell der empfindungsmäßigen Gleichabständigkeit ist für eine systematische Farbenplanung das bestmögliche. Es wurde in NCS unter allen weit verbreiteten Farbsystemen am besten in die Realität umgesetzt. Mit anderen Worten: NCS liefert dem Farbenplaner überzeugende Ergebnisse, systematische Farbwahl ist hiermit gut möglich. Trotzdem stößt das System an Grenzen:
- Die dem System zugrunde liegenden Aussagen der Gegenfarbentheorie werden nicht in Frage gestellt. Hier der Einwand, ob das Basis-Blau nicht dunkler als das Gelb zu sein hätte – welches wären die korrekten Helligkeiten – wird der Doppelkegel, der die Basisfarben auf dieselbe Helligkeit setzt, unserem Empfinden gerecht? Hierzu geben beispielsweise Küppers und CIEL*a*b* abweichende Antworten, und Blau als Spektralfarbe sieht auch anders (dunkler) aus.
- Farben sind Empfindungen und daher immer individuell, ein festgelegtes System muss die Empfindungen standardisieren. Dieser grundsätzliche Widerspruch existiert bei allen Farbmodellen. Die Besonderheit bei NCS: es ist nicht der moderne Mensch, auch nicht der typische Europäer, welcher der Standardisierung zugrunde liegt, sondern ein Mittel aus 30 Schweden aus den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es kann angenommen werden, dass unsere Farbempfindung heute anders, unempfindlicher geworden ist, bedingt durch die zahlreichen optischen Reize, die heute täglich auf uns einprasseln.
- Das System ist zwar mathematisch darstellbar, aber nicht direkt rechenbar. Fragen wie z.B. "Welches ist die Zwischenfarbe zwischen zwei NCS-Farben?" lassen sich in der NCS Notation nicht direkt ausrechnen. Für eine exakte Farbplanung sind daher die Farbmuster oder Messungen nötig – der eigene Anspruch der weltweiten Farbkommunikation wird nur teilweise (mit Farbmustern, wie bei vielen anderen) erfüllt.

Wird ein 80 Jahre altes schwedisches Modell unserer heutigen Farbwahrnehmung noch gerecht?